Folgen eines Reproduktionsaltersunterschieds

Als die Boulevardpresse aus durchsichtigen Gründen über Karl den Großen als möglichen Vorfahr Armin Laschets spekulierte, begann die Sache der Ahnen, obwohl kein Freytag war (in Wirklichkeit war Donnerstag), mich zu interessieren.

Die erste Frage, die sich mir stellte, war, wieviel Prozent der Gene von Armin Laschet von Karl dem Großen stammen WÜRDEN. Irrtümlich rechnete ich mit der Lebenserwartung, die ich mit 70 Jahren ansetzte, anstelle der Generationendistanz, die man mit grob 30 Jahren ansetzt. Und so kam ich auf 0,0005 Prozent, nämlich 2020 – 800 = 1220. 1220/70 ~= 17,5. 2^17,5 ~= 185364. Davon der Kehrwert ist das Ergebnis.

Als ich meinen Fehler (70 != 30) bemerkte, löschte ich beschämt meinen Tweet. Doch dann begann der Gedankengang. In höheren Kreise mögen Männer mit 70 noch Kinder zeugen, während die jungen, fruchtbaren Gebärerinnen erst ein Drittel so alt sind. 70/3 ~= 23. Das klang nachvollziehbar, plausibel.

Die Frage, die sich mir stellte, war, wenn in Laschets Vorfahrenlinie sich die adligen Männer alle erst mit 70 reproduziert haben, die unterwürfigen Frauen aber alle schon mit 23, wieviel mehr weibliche wie (sagen sie hier, korrekt wäre als) männliche Ahnen hat er dann bis zur Zeit Karls des Großen zurück?

An einem Beispiel klargemacht: Sagen wir, als 10-jähriges Kind bist du auf einer Familienfeier, die keine Geschwister und Onkels versammelt, sondern nur deine Vorfahren. Du siehst dann da deinen Vater, der ist 80, deine Mutter (33), deinen Großvater mütterlicherseits aber nicht, denn der ist mit 103 schon tot, aber deine Großmutter mütterlicherseits (56) sowie ihre Mutter (89). Einen male Vorfahr, drei female treffen wir bei diesem Zeithorizont an. 

Ist nun das Verhältnis 1:3 zu erwarten, wenn das Reproduktionsalter sich verhält wie 3:1? Hätte ich erwartet, kam aber anders.

Oben sind 59/128 ~= 0,46. Schwierige Simulationen und Rekursionen kamen auf einen Wert von 0,465571. Google sei Dank fand sich das in einem PDF als Lösung der Gleichung

für n = 3. Warum das so ist, kann ich nicht beantworten, obwohl alle Simulationen für andere n es zu bestätigen scheinen. Insofern endet dieses herbstliche, sonnige Wochenende unbefriedigt.

Glanz Partikel

Man fragt sich, wie sie auf den Maler Alfred Partikel gekommen ist. Schon ihr erster Roman Pixeltänzer behandelte (u.a.) Künstler der Weimarer Ära (die Maskentänzerin Lavinia Schulz). Urlaub in Ahrenshoop und auf Gedenkstein gestoßen? Aus skandinavistischen Gründen nach Partikel gegoogelt und Wikipedia-Verzweigung gefunden? Oder Hinweis aus ihrer Blase (“Hey, wusstest du, dass Partikel auch Nachname eines Malers?”)? 

Mehrere Stränge sind verflochten im Band:
1. Mit I bis VI betitelte Gedichte behandeln Partikels Lebensstationen: Geburt in Goldap, Ausbildung in Königsberg, Anschluss an eine Künstlergruppe, Malen vor dem Ersten Weltkrieg am Kurischen Haff, Ehe und Verschwinden in Ahrenshoop. 
2. Neun Bilder von Alfred Partikel werden prosaisch beschrieben. Diese sind:
Heuernte
Hafeneinfahrt von Königsberg
Wellen
Fischernetze (Nidden)
Fischstillleben
Boddenwiesen (Ahrenshoop)
Winterliche Ostseelandschaft bei Ahrenshoop
Waldinneres
Stille Landschaft
3. Ein Mann isst einen Hering und verfolgt den Weg (des Herings “Herkunft”, Seite 9, vorletzte Zeile) zurück bis zu seinem Fang. Ebenfalls Prosa. 
4. Acht Gedichte, betitelt Dispersionsstudie A bis G. Acht, nicht sieben, weil die Dispersionsstudie D doppelt vorkommt, einmal ist es ein Sechszeiler auf Seite 24, dann auf Seite 30 ein Einzeiler. Von den Wassern der Postmoderne bespritzt, könnte man das für Absicht halten, ich möchte es indes lieber einem Versehen zuschreiben.
5. Restliche Gedichte, in deren lyrischem Ich ich die Autorin erkennen möchte, weil Leser Betroffenheit spürt. Sie klammern das Ganze und durchschießen es. Dabei ist von einem Ich bloß in dreien der ersten vier Gedichte die Rede, dann eine ganze Weile nicht mehr, erst kurz vor Ende wieder, ehe im letzten schließlich ein Man beschworen wird. Ob das Ich sich in Greifswald oder Ahrenshoop aufhält, kann ich nicht entscheiden.

Ich habe es jetzt so herum sortiert, weil zwar der Name der Autorin über dem Titel und damit Nachnamen des Malers, auch wenn man den ad hoc noch nicht ahnt, steht, aber kleiner gesetzt ist, also der Behandelte doch wichtiger erscheint als die Behandelnde.

Verflochten, weil die Abfolge (jedes Gedicht oder auch Prosastück nimmt eine Seite ein) ungefähr so ist:

Die Farben sind willkürlich. Wobei das Grau für die Gedichte aus Autorinperspektive gut gewählt erscheint, da eine gewisse Melancholie (“Wehmutsräume” auf der letzten Seite) aus ihnen spricht.

Das Verhältnis Lyrik zu Prosa beträgt 25:17, es sind also 60 % des Bandes Lyrik und 40 % Prosa, daher darf er den Untertitel “Gedichte” durchaus führen.

Neben dem Maler Partikel erscheint das Wort in seiner Bedeutung als Teilchen, an die Leser als erstes gedacht haben wird, als er das Cover erblickte. In reiner Form (Seite.Zeile 7.11, 12.5, 13.5, 24.4, 30.1), als Salzpartikel (6.11, 7.5), Staubpartikel (34.8) und zuletzt Erinnerungspartikel (46.11). Als Teilchen auch einmal oder öfter (z.B. “verstreute Schwebeteilchen” auf Seite 6 und “Salzteilchendichte” auf Seite 7).

Die biographischen Gedichte I und II sind beflissen parallel gebaut. In eckigen Klammern, die sonst nie im Band auftauchen, stehen hie der Rechtsaußen Hermann Göring, dort die Linksaußen Käthe Kollwitz einander gegenüber. 

Einmal wird konkrete Poesie bemüht. Das gesperrte Wort “G E F I L T E R T” stellt ein Filtervließ dar, welches nur kleine Festkörper nach unten durchlässt.

Brückenwörter oder -begriffe verschränken die Stränge. So führen die Schwanzflossen von Seite 7 nach Seite 9,  dem Strand von Seite 9 ging auf Seite 5 gestrandet voraus und das gebraten des Herings auf Seite 9 führt zum Bürgermeister auf Seite 10.

Schräge Sonnenstrahlen auf Seite 13 führen zu spitzen Schatten in den langen Fluren der Königsberger Kunstakademie auf Seite 14, auch nach Seite 34, wo durch Glasfenster buntes Licht ins Kirchenschiff fällt, und zu Strahlenbüscheln zwischen den Zweigen auf Seite 36.

Andererseits führen die Konturenkörper und Oberkörper der Bildbeschreibung auf Seite 11 zum Festkörper in der Dispersionsstudie A auf Seite 12, dann zu froststarren Fischleibern auf Seite 13, zum Schiffskörper in der Bildbeschreibung auf Seite 15, dem Schuppenkörperstapel in der Bildbeschreibung auf Seite 29 bis schließlich zum eigenen Körper auf Seite 37, dem nicht vertraut wird, und auf Seite 45 kommt noch einmal der Schuppenkörper vor.

Will man überinterpretieren, spiegelt sich in dieser Gegenüberstellung von Licht und Körper der Übergang von (impressionistischer) Berliner Secession zu (expressionistischer) Neuer Secession wider, die auf Seite 18 im Biogedicht III behandelt wird (“aus Bildern mit Punkten werden Bilder mit Kanten”, “Moderne Wesen sind nicht Eindruck, sondern Ausdruck”).

Weiter mit Brückenwörtern oder -begriffen. Die langen Flure von Seite 14 führen zum viel zu langen Mast auf Seite 15. Die Trennung von Seite 16, dort im Gedicht “Dispersionsstudie B”, kehrt auf Seite 18 wieder, als es um die Neue Secession geht, der Alfred Partikel anscheinend angehörte (“Partikel wird Teil des Ganzen”). Die Gischt von Seite 19 führt zur Seite 41. Den Salzkrusten und -kristallen auf Seite 21 gingen die auf Seite 6 voraus.  Die Brandungzone von Seite 21 kehrt am Ende wieder auf den Seiten 41 und 43. Eingeschmiegte Häuser (im Pixeltänzer schmiegten sich Felder an Autobahnen, aber auch Tanzende aneinander, eine Lebende an eine Statue und Leder um Männerwaden) auf Seite 27 haben Vorgänger auf Seite 25 in rotbedachten Häusern, die sich in grüne Wiesen drücken. Das Schweben auf Seite 29 kam in den Schwebeteilchen von Seite 6 schon vor. Die bläuliche Waschschüssel von Seite 29 kehrt als Emaillebadewanne auf Seite 31 wieder. Das Kräuseln auf Seite 34 (Lippen) hatten wir schon auf Seite 6 (Haut). Der Farn von Seite 38 kehrt in der Bildbeschreibung auf Seite 39 wieder. Dort knarzen Bäumen, zuvor auf Seite 34 taten es Schiffe. 

Auf Seite 37 wartet ein Fisch in der Tiefe. Auf Seite 31 lag der Fisch auf dem Grund der Wanne. “Die Tiefe des Meeres machte ihm jetzt keine Angst mehr.” (Seite 17). “Der Gedanke an eine Tiefe, von der er sich kein Verständnis machen konnte, beunruhigte ihn.” (Seite 9). Auf Seite 34 kreisen Heringsschwärme in der Tiefe. Auf Seite 42 wird ein Netz aus der Tiefe an Bord geholt.

Im Pixeltänzer irritierte oder stach heraus eine Wiedergabe von Paul Hindemiths Opernhandlung der Sancta Susanna von 1922 nach August Stramms Gesang der Mainacht von 1913, wo eine Nonne einer Jesusstatue den Lendenschurz entreißt und sich an ihm reibt. Hier im Band Partikel träumte die Autorin auf Seite 8 davon, von der unkörperlichen Liebe der Austern zu schreiben, “deren Eier und Sperma” sich jenseits der Schalenkörper irgendwo im weiten Meer befruchten.

Die Eingangsfrage klärt der Paratext auf Seite 2 auf. 

Die Pappbroschur bei Reinecke & Voß hat 48 Seiten und kostet 10 Euro. Das macht 20 Cent pro Seite oder 2 Cent für 5 Wörter.

Willy Millowitsch

(Am 16. November 2015 auf einem anderen, inzwischen gelöschten Blog publiziert, hier für einen Verweis wg. Eisenmarkt republiziert. Der Text ist entstanden als Antwort auf die Schreibaufgabe “Ein kleiner Kölner Mythos des Alltags”, maximal 1 Seite, die Hanns-Josef Ortheil gestellt hat im Rahmen seiner Vorlesung “Literarisches Schreiben” im Wintersemester 2015/16 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Als einzige meiner zahlreichen Einreichungen fand sie ein wenig Lob in den Augen des Meisters. Am 27. November 2015 meinte er: “Willy Millowitsch sitzt da. Das hat natürlich auch jemand aufgegriffen, hat ganz wunderbar mit der Figur gearbeitet, ich hab den Text jetzt aber nicht da.” Hat er zu mir geblickt? Ich meinte damals, es mir einzubilden, bin mir aber heute nicht mehr so sicher, zumal, wenn ich den Text jetzt wiederlese. Der Barbour-Shop im Hintergrund der Fotos war eine glückliche Fügung, da solche Jacken in Krachts Faserland prominent, das Ortheil in seiner Vorlesung am 13. November, da er auch die Aufgabe gestellt hat, so eingeordnet/-nordet hat: “Erweckungstexte. Z.B. Krachts Faserland. Auch Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970). Machte Mut, wieder zu erzählen. Beides sind auch große, bleibende Texte. Auch Goetz’ Irre. Große Texte, die andere in Bewegung versetzen. Th. Bernhard, ‘Literaturniedermacher’. Heerscharen von Nachahmern. Wird es Eingang in Kanon finden? Schwer zu beantworten.” Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen, nicht Ortheils Rede.)

Samstag, 14.11.2015

Um halb neun auf dem menschenleeren Eisenmarkt. Einige feuchte Stellen hier und da und es riecht nach Urin. Einzig ein Bierfahrer belädt seinen Transporter.

Vor nicht allzu langer Zeit ist das Bronzedenkmal weggezogen aufs Gertrudenplätzchen. Dort sitzt Willy auf einer Seite der Bank, den Arm auf der Lehne, und lädt einen zweiten Körper ein, sich in die Leerstelle zu schmiegen und ein Selfie zu knipsen.

Bis zehn Uhr aber sah ich niemand in solcher Pose. Zu früh, vielleicht auch zu frisch, das Wetter nun endlich herbstlich. Doch aus der Erinnerung lässt sich ein Sommertag hervorholen, an dem solches geschehen.

Kann ich erkennen, ob die Touris den Dargestellten erkennen, so sie ihn überhaupt kennen? Keinen Namen trägt die Gestalt, nur der Stifter Harry Owens vom Traumtheater Salome ist genannt. Höchstens aus dem Platznamen nun, nachdem der alte Ort hinter dem Hotel drei Häuser von Brinkmann entfernt aufgegeben worden ist, kann Tourist auf den Menschen schließen. Sofern er den Gemeinten nicht erkennt am Schnäuzer, den großen Augen hinter den Brillengläsern, der Frisur.

Selbst nie in seinem Theater auf der Aachener Straße gewesen, nie ihn auf der Bühne gesehen, nur im Fernsehen. Fünf Jahre nach seinem Tod die Exequien für seine Witwe Gerda besucht, weil die Exgeliebte mit einer Tochter der Familie in der Schule befreundet war. Nicht Mariele, bekannt aus Funk und Fernsehen, sondern der Theaterleiterin Katarina Eisenlohr.

Bei dieser Veranstaltung im Dom bezeichnete der Prediger ihn als Inkarnation des himmlischen Jerusalems. Hö? Wie kann kalter Stein lebendiges Fleisch sein? Die intellektuelle Unredlichkeit schreckte mich einmal mehr ab von der Priesterkaste, diesen Männern des Worts, die dann doch so schludrig damit umgehen. Männer wirklichen Geists, die Worte wägen – ich dachte da an Benedikt XVI. z.B. – würden das nicht tun, dachte ich.

Außergewöhnliche Geräusche in den Klagenfurttexten 2020

Außergewöhnlich an den Geräuschen sollte sein, dass sie nicht gängig sind wie z.B. Handyklingeln, welches Protagonierende zwar vielleicht erschreckt wie am Ende von Piringer ein klingelton loskreischt oder inmitten von Freudenthaler es schrillt, worauf sie begreift, dass ihr Telefon läutet, welches sonst immer auf lautlos gestellt… Solcherlei wie auch eine lärmende Schulklasse bei Schönherr nicht, sondern ungewöhnlichere. 


Ungewöhnlich war, dass mir Komparatist die Vergleichssache im Vorfeld schon eingefallen war und ich unbedingt an ihr festhalten wollte. Kann ins Wasser fallen, klar. Besser nicht ankündigen. Erleicherung daher, als Ramadan gleich jemanden sich ein neues, schallendes Lachen zulegen ließ. Das ein außergewöhnliches Geräusch par excellence, da nicht wir Lesenden, sondern Komparsen der Erzählung das Geräusch ungewöhnlich finden, ungewohnt, also Freunde oder Bekannte von Ben. 


Klagenfurter Komparatistik ein Hobby schon länger. 2012 ergaben sich Tiere, damals zusammengefasst: “Viele Tiere heuer in Klagenfurt. Hunde, Katzen, eine Katzenliebe- statt Beziehungskiste, Frösche, ein Reh im See, Echsen, ein Krokodil, viele Vogelsorten, auch ein Kolibri.” 2019 Kleidungsstücke, eine ganze Spanne von Schultens’ sattblauem Messgewand bis hin zu Josts Panoptikum. Einmal Verkehrsmittel, aber nur in den Videoporträts. Heuer sollten es also außergewöhnliche Geräusche sein, ein topic, bei dem ich wie Pawlows Hund unweigerlich an J. K. Rowlings (sorry) phantastische Tierwesen denken musste und es (fass!) nicht loslassen konnte, seitdem ich es, ich glaube, auf einem kleinen Waldspaziergang ausbaldowert.  


Und wenns nicht passt, wird es passend gemacht. Bei Piringer, wie gesagt, war mir das Handyfinale nicht schrill genug, aber im Videoporträt bietet er das außergewöhnlichste Geräusch schlechthin: den Urknall. Soviel schummeln muss man dürfen. Ein metaphorisches Geräusch allein, denn wo noch keine Luft war als Schallleiter, kann nichts knallen, aber ein bärenstarkes Bild doch. [Begriffsherkunft klären!]


Also hier von mir bewertet die außergewöhnlichsten Geräusche dieses Jahr in Klagenfurt:


14. “Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen?” (Schubert)
13. “Die Esel auf seinem Grundstück schrien in der Nacht” (Hieronymi)
12. “Bis heute habe ich dieses tiefe, kehlige Grunzen im Ohr, wenn ich an Ziva denke.” (Schönherr)
11. “Das zarte Zirpen der beiden Männchen steigerte sich zu minutenlangem Tirilieren mit immer verwegener aufsteigenden Portamentos und mit melodischen Variationen, in denen bisweilen Lachmöwenrufe und Ohrwürmer von Zarah Leander anklangen.” (Senkel)
10. “und das huhn schnurrt wie eine katze” (Westermann)
9. “Eine Sirene sei meist weiblich, sagte Manuel, ein Mischwesen, das durch seinen Gesang die vorbeifahrenden Schiffe anlocke, um die Seeleute ins Verderben zu führen.” (Kureyshi)
8. “einer Frau, die sagte, sie gehe nur Yoga machen wegen der fünf Minuten, die sie am Ende in Ruhe daliegen könne.” (Herbst)
7. “Ruhig, nur Rauschen im Ohr.” (Krusche)
6. “das hohe F” (Leitner)
5. “dass du’s Knarren, Knachsen hörst in der plötzlichen Stille” (Haider)
4. “Ich höre aus der Ferne ein leises Klacken, Metall auf Metall, ich kann das Geräusch nicht einordnen, es wiederholt sich auch nicht” (Schutti)
3. “legte sich ein neues, schallendes Lachen zu” (Ramadan)
2. “Ein Ton ist in der Luft, so hoch und fein, dass ich nicht sagen kann, woher er kommt, ob er überhaupt da ist.” (Freudenthaler)
1. “Am Anfang war der Urknall.” (Piringer)

Der Vormittag vor dem Nachmittag auf Wolfgang Welts Spuren in Langendreer

Früh genug aufgewacht, dass ich die Straßenbahn kurz nach 6 nehmen konnte, ergo war ich um 8 in Bochum. Die Fußgängerzone naturgemäß noch recht leer, bis auf einzelne Gestalten, die einem immer mal wieder zu nahe zu rücken schienen. Es waren Männer, abgerissen, die aussahen, als hätten sie die Nacht durchgemacht. Wenn einer auch eine Tasche trug mit Lebensmitteln (frische Eier!) drin, als hätte er die gerade erst gekauft, und einer Illustrierten. Wenige Frauen, die aber proper und zielstrebig. Und ganze Schwärme von Stadtreinigern in Orange. Die Kirche St. Peter und Paul stand offen und ich nutzte die Gelegenheit. Wandmalereien galore beschriftet mit kennzeichnendem Text. Kein Sebastian, leider. Aber eine Reliquie, der Hl. Perpetua (Genitiv). 

Durch die Kortumstraße verließ ich die Innenstadt, kam an einem Kunstmuseum vorbei mit klassizistischem Altbau und modernem Anbau, vor dem ein paar gegossene Figuren hockten oder saßen, darunter einer mit Bun, und betrat den Stadtpark. Eine Tafel erinnert daran, dass hier ein Kriegermal gestanden habe, das 1983 gestürzt worden sei und die Stadt Bochum habe beschlossen, dass es nicht wieder errichtet werden solle, weil vom Nationalsozialismus vergiftet. Ich ging einen sich ründenden Weg, man kann sagen Umweg, um den Bismarckturm zu erreichen, der bis zuletzt nicht zu erblicken war, obwohl er, wieder naturgemäß, auf allerhöchster Höhe thront. Vor ihm aufgebaut Zelte eines Kindertheaters. Die Tür zum Turm verschlossen, kein Ausblick möglich. In Fraktur steht der Name BISMARCK auf dem Türsturz, der namenlose Stil mit martialischem Bombast, mir schien er schief zu stehen, der Turm, aber mich mögen schiefe Perspektivlinien getäuscht haben. Bis hieher war es hinaufgegangen, jetzt ging es wieder hinab. Unter der A 40 durch nach Grumme und die Tenthoffstraße hinauf. 

Schon im Stadtpark war mir ein anderer Gehender aufgefallen. Leider hatte der nahezu meine Geschwindigkeit. Er war von der Seite her von oben gekommen, meine ich, kurz hinter dem verblichenen Kriegermal, während ich von unten von der Stadt her. Nun zeigten unsere inneren Navis aber schon eine ganze Weile in dieselbe Richtung, shit. Im Stadtpark, während ich versuchte, den Bismarckturm zu ersteigen, hatte er mich überholt. Musste mich anstrengen, wiederum ihn zu überholen auf der Klinikstraße. Seine Richtung war meine, ich war verblüfft. Nach der Autobahnunterführung blickte ich mich nicht mehr um, denn warum auch, da ich nicht mehr mit ihm rechnete.  Beim Aufstieg zum Tippelsberg nutzte ich eine Gelegenheit, Wasser zu lassen, wozu die Blase schon längst gemahnt hatte. Im Park konnte ich das nicht tun, klar. Zumal ich den Mitgeher dort noch als einen Parkaufseher verdächtigte, der mir unauffällig folgen wollte. 

Erschrak, als ich von der Botanik wieder einbog in die Tenthoffstraße, denn wer spazierte vor mir her? Richtig. Er hatte einen relaxten, wenn auch nicht langsamen Gang. Er trug ein kurzärmliges Hemd, eine lange Hose und Schuhe mit Gummisohlen. Er schlenkerte ein wenig beim Gehen, entweder mit den Armen oder mit der Hüfte. Seine Unterarme waren männlich behaart. Sein Kinn etwas stoppelig, seine Fresse nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht wiegte auch sein Kopf hin und her beim Gehen. 

Am Ende der aufsteigenden Straße hatte ich vorgehabt, nach links zu gehen auf eine Halde, die der Karte nach einen Rundblick versprach. Fast hatte ich meinen Mitgeher schon eingeholt und ich bremste, um ihn nicht schon wieder überholen zu müssen und erneut seine Aufmerksamkeit zu erregen. Da ging er oben nach links. Kurzerhand entschloss ich mich, die Halde mit Überblick auszulassen und direkt weiter nach rechts in Richtung Castrop zu gehen, bloß um meinem Mitgeher zu entgehen, puh! 

Ein bisschen bereut habe ich es, aber ich fürchte fast, beziehungsweise bin mir ziemlich sicher, dass auch er den Rundumblick der Halde aufsuchen wollte. Dabei sah er wie ein Tourist gar nicht aus. Keinerlei Gepäck führte er mit. Er sah aus wie ein Bürger Bochums, der sich einen Jux daraus macht, keinen Bus zu benutzen, sondern sein Ziel heute, und allem Anschein nach nicht allein heute, sondern allezeit, zu Fuß zu erreichen. Und dann auch wieder zurück, das darf man nicht vergessen.